Für die Einen ist das Internet eine Brutstätte für Kriminalität und Kinderpornografie oder das Grundübel für Zeitverlust und Informationsüberflutung. Für Andere wieder ist es die blanke Überforderung. Sie wissen zwar dass sie eigentlich müssten, stehen sich aber dann doch wieder selbst im Weg. Es gibt aber auch Andere, für die ist es eine Herausforderung, oder noch besser, eine Möglichkeit. Das sind Jene, bei denen die Neugier siegt. Ein Solcher ist mein Vater.
Internet hat er seit mehreren Jahren und nach langem Intervenieren meinerseits ist er seit 2 Jahren auch stolzer Besitzer eines MacBooks. Der unlimitierte Zugang zu jeder Art von Information, ist für jemanden der Wissen aufsaugt wie ein Schwamm, die Offenbarung schlechthin. Ich bin mir sicher dass er einer der Premiumnutzer der Wikipedia und auch anderer Wissensbörsen ist. Seine Wanderungen, die ihn früher durch die österreichischen Alpen führten setzt er heute in Google Earth fort. Vor etwa einem Jahr bat er mich dann, ihm ein Weblog einzurichten indem er seine Gedanken niederschreiben konnte. Endlich, dachte ich, teilt er sein über Jahrzehnte erworbenes Wissen.
Als Zeuge einer Zeit, die ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, erlebe ich durch sein Schreiben die Geschichte aus erster Hand und nicht durch den Filter subjektiv gesteuerter Medienredaktionen. Obwohl ich vieles bereits aus seinen Erzählungen kannte, bekommt mein Vater und seine Gefühlswelt auf einmal ein Gesicht. Nie würde man hinter diesen Zeilen einen 83-jährigen vermuten. Vor allem schreibt er ohne Absicht, er tut es einfach. Und je mehr er schreibt desto weiter taucht er in die Vergangenheit zurück und stellt fest, dass man sich dafür interessiert. Er schreibt über seine Zeit als 19-jähriger Soldat in Italien, die Tatsache vor Augen in Bälde an der Front verheizt zu werden. Er beschreibt das Ressentiment der italienischen Gastfamilie und wie es sich mit der Erkenntnis im gleichen Boot zu sitzen langsam in Gastfreundschaft und Zuneigung wandelt. Und er erzählt von Augusta und der aufkeimenden Liebe zwischen den beiden die aber ohne jede Perspektive für die Zukunft scheint. Das Schreiben im Weblog aber auch die Reflektion der Kommentare auf seine Beiträge spornen ihn an noch weiter einzutauchen in die eigene Geschichte. Und plötzlich passiert etwas Unglaubliches:
In einem Kommentar auf einen jener Artikel meldet sich ein mittlerweile in Lugano lebender Italiener, der aus der Gegend kommt und besagte italienische Familie kennt. Herrlich, nicht? Aber es kommt noch besser: Die beiden intensivieren Ihren Kontakt via Email, man schickt alte Fotos in beide Richtungen, und dann, letzten Sonntag Abend, läutet bei meinem Vater das Telefon. Eine dunkle, weibliche Stimme mit fremden Akzent fragt ob er wisse wer sie denn sei. Alles Raten ist zwecklos, zu unglaublich das alles zu erdenken. Denn es stellt sich heraus das hier Pierina, die jüngere Schwester der damaligen grossen Liebe Augusta, am anderen Ende der Leitung ist. Als würde sich ein Fenster öffnen das über ein halbes Jahrhundert verschlossen war. Über den Fortgang dieser Geschichte hoffe ich bald weiterlesen zu dürfen.
So sehr ich das Internet und Weblogs im Speziellen erforscht habe und geglaubt habe zu verstehen, habe ich erst jetzt mit ihm erlebt was alles entstehen kann wenn man sich authentisch mitteilt und die technologischen Möglichkeiten die einem heute geboten werden vorbehaltlos nutzt. Meine grösste Freude ist es mitzuerleben wie viel Spass es ihm macht und wie das seine eigene Lebensfreude unterstützt.
Vielleicht waren wir nicht immer füreinander da wenn wir es gebraucht hätten, aber dort wo sich unsere beiden Lebenslinien berührt haben sind immer die wesentlichen Bausteine meines Lebens gewachsen. Allein dafür gilt ihm der grösste Dank dem man seinem Vater gegenüber aussprechen kann. Und auch dafür zu allem eine Meinung zu vertreten.