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Ein Schritt vorwärts


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Menschen, die es eilig haben sollten diesen Beitrag lieber links liegen lassen. Es wird nämlich eine längere Geschichte. Eine Neujahrgeschichte.

Für Soldaten sind Weihnachtsfeiertage eher traurige Tage. Besonders in Kriegszeiten, wo man sowieso schon nichts zu lachen hat. Und noch dazu in einer Gegend in der man nicht besonders erbaut war, wenn man Soldaten der Besatzungsmacht sah. So war es auch zur Jahreswende von 1943 auf 1944 nahe der slowakischen Grenze in einem Landstädtchen das man damals Ungarisch-Hradisch nannte. Unter diesem Namen findet man es heute nicht mehr auf der Landkarte, denn es hat wieder den Namen angenommen, mit dem es die Einheimischen schon immer nannten: Uherske Hradiste mit zwei Hatscheks auf den beiden s, die man in der deutschen Schreibmaschinentastatur vergeblich sucht. Der Kontakt zur Zivilbevölkerung war minimal und auch von der feldgrauen Obrigkeit nicht gerne gesehen. Ein grosser Platz mit Kirche, ein paar Gasthäuser und eine gute Konditorei, die auch von Wehrmachtsangehörigen besucht wurde, denn dort gab es -markenfrei- noch köstliche Backwaren. Sie waren auch die einzigen Berührungspunkte mit der mährischen Bevölkerung. Am Nordwestende des Städtchens befand sich eine grosse Kaserne noch aus der Zeit als das Land sein eigenes Militär hatte und da waren zwei oder sogar drei Infanterieeinheiten einquartiert, die dort zum Einsatz an der Front vorbereitet wurden. das ganze hiess sich Marschkompanie. Zweimal am Tag Gefechtsdienst, Wache schieben und wenn man dienstfrei hatte Gasthaus oder Konditorei. Wegen der Feiertage reduzierte sich am heiligen Abend und am Christtag

der Gefechtsdienst auf einmal rumkriechen im schlammigen Gelände. In den muffigen schlecht geheizten Stuben dufteten Weihnachtszweige mit Kerzen dran und die Marketenderei ergoss über das zukünftige Kanonenfutter eine ausserordentliche Zuteilung von Alkoholika und Rauchwaren. Der grösste Teil des Stammpersonals- Offiziere und Unteroffiziere- hatten Weihnachtsurlaub erhalten und der Umgangston war etwas weniger rauh und ordinär. Trotzdem hiess es immer um 22 Uhr: Zapfenstreich und in die Falle. Aber am Sylvesterabend gab es neuerliche Gaben von der Marketenderei und es wurde durch den Offizier vom Dienst beim abendlichen “Appell” verlautbart, dass erst um 2 Uhr früh “Licht aus” befohlen wird. Damit wir das neue Jahr auch richtig begrüssen konnten. Für viele das letzte Neujahr in diesem Leben, aber das wussten sie besser nicht. Die allgemeine Fröhlichkeit war überwältigend und man ging mit einem Glas oder einer Flasche in der Hand von Freund zu Freund um mit ihm anzustossen. Gar mancher hatte etwas zuviel gesoffen und am nächsten Morgen pfiff der Unteroffizier vom Dienst- der meistens nur ein Gefreiter war- mitleidlos um 6 Uhr früh: “Aufstehen”. Was bedeutete, dass die Feiertage vorbei waren und der triste Kasernenalltag wieder eingekehrt war.

Als die Kompanie in der oft geübten Ordnung zum Morgenappell angetreten war schritt der OvD durch die Reihen der teilweise noch schlaftrunkenen Gestalten. An seinem mokanten Grinsen konnte man erkennen, dass es ihm richtig Freude bereitete, den müden Figuren einen schönen, ordentlichen Gefechtsdienst zu verpassen damit sie wieder Lebensgeister bekommen. Er war noch recht jung- vielleicht 24 Jahre alt oder vielleicht sogar noch ein Jahr jünger. Er stammte aus Ostpreussen und war allseits unbeliebt, weil er ein ordentlicher Schinder war. Er hatte die gesamten Weihnachtsfeiertage in der Kaserne verbracht und von Feiertagsstimmung war bei ihm wirklich nichts mehr zu bemerken. Nachdem er beim Durchschreiten da oder dort Unregelmässigkeiten der Kleidung bemängelt, mehr aber noch Unkorrektheiten der Haltung kritisiert hatte, baute er sich vor uns auf und schmetterte: “Wer noch nicht richtig ausgeschlafen ist- ein Schritt vortreten”. Die Kompanie stand wie eine Mauer. Vom Gangaufwaschen bis zum Latrinensäubern war alles zu erwarten, wenn man sich da meldete- nein, da war der Gefechtsdienst schon noch besser. Aber da - was war das: Da trat doch tatsächlich der Lange aus dem ersten Glied vor. Na, den erwartete was. Der Oberleutnant stiefelte heran, sah dem Schützen A…. scharf ins Gesicht: “Sooo, Sie sind also noch schläfrig!” Der Schütze erwartete nun seine Strafe.

Nach einem “Jawoll, Herr Oberleutnant”, drehte der Offizier um, trat einen Schritt zurück und sagte in mildem, versöhnlichen Ton:” Na, dann gehn Sie auf ihre Stube, legen sich hin und schlafen bis Mittag”.

Der Schütze tat wie ihm befohlen unter den bewundernden Blicken, sowohl der Unteroffiziere, aber noch mehr seiner Kameraden, die zum Gefechtsdienst ausrückten. Aber während er sich seiner Uniform entledigte, um in sein Lager zu klettern und dem Befehl Folge zu leisten dachte er: “Er ist trotzdem ein Arschloch- ein sturer ostpreussischer Kommissknopf”.

Damit wäre die Geschichte eigentlich erzählt. Abr der Schritt vorwärts hatte Folgen. Abgesehen davon, dass die Unteroffiziere nicht mehr so genau die Wäschekanten im Spind prüften und die Falten der Decke auf seiner Liegestatt übersahen, wurde er nicht mehr zum Stubendienst befohlen und die Kameraden machten gerne Platz, wenn er sich zu ihnen am Esstisch gesellte und Kaffeholen musste er auch nicht mehr. Als der Oberleutnant ein paar Tage später wieder Dienst hatte, blieb er vor dem Schützen beim Morgenappell stehen:” Sie melden sich nach dem Wegtreten in der Schreibstube”—”Heiliger Bimbam, was hab ich denn angestellt, dass ich zu den Schreibhengsten muss”. Wenige Minuten später hatte der Schütze einen Marschbefehl in der Hand, der ihn zu einem Schilehrgang auf die Rax befahl. Juchu! Das war ja fast wie Heimaturlaub- aber auf jeden Fall weg von der öden Kaserne und ihrem noch öderen Drill. Der Schütze war in seinem Leben noch nie auf Schiern gestanden und es waren ereignisreiche Tage, die er auf dem Karl-Ludwighaus verlebte. Man lernte ihm, wie er sich auf Schiern durch den russischen Winter schlagen konnte. Mit fadem Gefühl gliederte sich der Schütze wieder in den Kasernenbetrieb ein. Der Oberleutnant begrüsste ihn mit einem knappen “Aha, auch wieder da”. Es möge vielleicht eine Woche später gewesen sein, da blieb der Oberleutnant wieder vor dem Schützen stehen. Der dachte:”Na, jetzt hat er den Bericht über mein Verhalten auf dem Skikurs bekommen. Und berühmt bin ich ja dort wirklich nicht geworden!” Aber nein! “Sie haben doch in Ihrer Ausbildungszeit in Brünn an einem Preisschiessen teilgenommen und einen Preis gewonnen!”-”Jawoll, Herr Oberleutnant”. Wenig später sass ich auf der Bahn mit einem Marschbefehl zu einem Schützenlehrgang in Bruck an der Leitha im Soldbuch. Juchu- schon wieder Heimaturlaub. Diesmal waren es gleich sechs Wochen und jedes Wochenende daheim bei Mutti.

Aber auch diese Zeit ging vorbei und ich musste zurück zur Ersatzkompanie. Die Kaserne war leerer geworden, denn gut die Hälfte war bereits auf dem Weg in die Menschenvernichtung. Meine Stubenkameraden waren noch da und ja- der Oberleutnant auch. Aber man rechnete täglich damit, dass der Marschbefehl an die Ostfront kommen werde. Man wird es nicht glauben, aber die Geschichte wiederholt sich noch einmal. Der Oberleutnant schickte den Schützen noch einmal in die Schreibstube.” Weil Sie so gute Ergebnisse beim Schützenlehrgang hatten” schnarrte er. Diesmal war es der Scharfschützenlehrgang im gleichen Ort wie vorhin. Wieder Urlaub und zu Hause bei Mutters Kochtöpfen. Dazu beim gemütlichsten Verein den es in der deutschen Wehrmacht wohl gab. Nur ein Umstand sei genannt: Es war verpönt im Gleichschritt zu gehen und das Gewehr wurde so getragen, wie es die Jäger tragen.

Als der Schütze nach neuerlichen sechs wochen wieder zu seiner Kaserne zurückkehrte, war die Kaserne fast leer. Nur die Schreibstube war noch da und bei ihr ein Marschbefehl zum Ausrüstungslager der Scharfschützen in Payerbach. Den Oberleutnant hat der Schütze nie wieder gesehen.

Kann sein, dass er im Gesicht des jungen Soldaten den Mut zum Risiko gelesen hat, den Mut einen Schritt zutun, den niemand sonst tut. Dinge, die der junge Soldat noch lange nicht erkannt hatte und die er sich erst mühsam selbst erklären musste. Es kann sein, dass der Oberleutnant den Scheisskrieg überlebt hat und auf der militärischen Stufenleiter hinaufgeklettert ist. Kann sein, dass er irgendwo in den Wäldern oder Sümpfen Russlands geblieben ist. Kann sein, dass er gar kein so sturer, ostpreussischer Kommisknopf war. Kann sein, dass er nie einen Orden bekommen hat. Jetzt bekommt er einen:

Danke, Herr Oberleutnant Schilhavsky

Ich sagte ja- es ist eine lange Geschichte und wer glaubt, dass sie gut ausgedacht ist- der irrt sich.

6 Reaktionen zu “Ein Schritt vorwärts”

  1. michael

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    Und ich bemal den Orden mit meinen Tränen. Ich hab zu danken, denn ohne diesen Mann gäb´s mich vielleicht gar nicht. Und ohne diesen, deinen, mutigen Schritt auch nicht. Schenk uns noch viele Geschichten aus deinem langem Leben, bitte!

  2. Birgit-Rita

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    Jedes Wort geht unter die Haut. Ja, schenke uns noch viele Geschichten. Für mich ist die Essenz “in jedem Scheißkerl wohnt ein Herz”, man muss nur den Mut haben es zu berühren. Danke für Deinen Mut.

  3. Kage Martina

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    Ich habe es wieder und wieder gelesen. Ich habe Tage damit verbracht diese Zeilen auf mich wirken zu lassen. Ich bin in eine tiefe Traurigkeit gefallen.
    Ich merke, das mir der Mut fehlt einen Schritt nach vorne zu gehen.
    Und doch bin ich gestärkt von diesen Zeilen in dem Wissen, wenn ich diesen Schritt nicht nach vorne gehe, bin ich nicht Authentisch, bin ich nicht in meinem Wert, bin ich nicht selbst bestimmend, bin ich kein Vorbild für meine Kinder, ich werde stehen bleiben in meinem Weiter kommen, ich könnte noch mehr schreiben was alles passieren wird, wenn ich nicht einen Schritt nach vorne gehe.
    Ich bin unendlich Dankbar für diese Zeilen. Jetzt verstehe ich, was es heißt wenn die Ältere Generation für uns vorgegangen ist.
    Ich verneige mich vor ihnen aus tiefstem Herzen und aus tiefstem Dank für diese Zeilen.

  4. Stephan

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    Hallo,

    Danke für den schönen Text.

    Ich würde gerne mit dem Verfasser diese Textes in Verbindung kommen.

    Mein Grossvater war in diesen Jahren der Wirt der Gaststätte “Deutscher Hof” in Ungarisch Hradisch.

    Es würde mich sehr freuen, zu erfahren was Sie Sich von dieser Gaststätte erinnern.

    Danke im voraus!

  5. EINVOLL » WEBLOG » ARCHIV » Bloggen macht glücklich

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    […] Als Zeuge einer Zeit, die ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, erlebe ich durch sein Schreiben die Geschichte aus erster Hand und nicht durch den Filter subjektiv gesteuerter Medienredaktionen. Obwohl ich vieles bereits aus seinen Erzählungen kannte, bekommt mein Vater und seine Gefühlswelt auf einmal ein Gesicht. Nie würde man hinter diesen Zeilen einen 83-jährigen vermuten. Vor allem schreibt er ohne Absicht, er tut es einfach. Und je mehr er schreibt desto weiter taucht er in die Vergangenheit zurück und stellt fest, dass man sich dafür interessiert. Er schreibt über seine Zeit als 19-jähriger Soldat in Italien, die Tatsache vor Augen in Bälde an der Front verheizt zu werden. Er beschreibt das Ressentiment der italienischen Gastfamilie und wie es sich mit der Erkenntnis im gleichen Boot zu sitzen langsam in Gastfreundschaft und Zuneigung wandelt. Und er erzählt von Augusta und der aufkeimenden Liebe zwischen den beiden die aber ohne jede Perspektive für die Zukunft scheint. Das Schreiben im Weblog aber auch die Reflektion der Kommentare auf seine Beiträge spornen ihn an noch weiter einzutauchen in die eigene Geschichte. Und plötzlich passiert etwas Unglaubliches: […]

  6. Bloggen macht glücklich « EINVOLL

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    […] Als Zeuge einer Zeit, die ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, erlebe ich durch sein Schreiben die Geschichte aus erster Hand und nicht durch den Filter subjektiv gesteuerter Medienredaktionen. Obwohl ich vieles bereits aus seinen Erzählungen kannte, bekommt mein Vater und seine Gefühlswelt auf einmal ein Gesicht. Nie würde man hinter diesen Zeilen einen 83-jährigen vermuten. Vor allem schreibt er ohne Absicht, er tut es einfach. Und je mehr er schreibt desto weiter taucht er in die Vergangenheit zurück und stellt fest, dass man sich dafür interessiert. Er schreibt über seine Zeit als 19-jähriger Soldat in Italien, die Tatsache vor Augen in Bälde an der Front verheizt zu werden. Er beschreibt das Ressentiment der italienischen Gastfamilie und wie es sich mit der Erkenntnis im gleichen Boot zu sitzen langsam in Gastfreundschaft und Zuneigung wandelt. Und er erzählt von Augusta und der aufkeimenden Liebe zwischen den beiden die aber ohne jede Perspektive für die Zukunft scheint. Das Schreiben im Weblog aber auch die Reflektion der Kommentare auf seine Beiträge spornen ihn an noch weiter einzutauchen in die eigene Geschichte. Und plötzlich passiert etwas Unglaubliches: […]

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