Die letzte Reise

1. Januar 2009

horizont.jpg

phone spying text and Smartphone Spying pay at This spy

fake

Uffffff!!

14. Juni 2008

Das war ein langer Stossseufzer. Nach langen Monaten erzwungenen Schweigens sitze ich wieder vor einem arbeitsfähigen Macbook. Die Erfahrung haben ja sicher schon viele Menschen gemacht— wenn was kommt, dann kommt alles auf einmal und hageldicht, dass man nicht zum Atemschöpfen kommt. Gerade hatte mich Michael davon überzeugt- nach langem geduldigen Zureden- dass es doch ein einmaliges Erlebnis für mich wäre trotz gesunheitlicher Probleme nach Italien zu fahren und die alten Freunde wieder zu sehen. Gerade hatte ich ja dazu gesagt, dass er mich hinunterbringen werde und schon aufpassen werde, dass mir nichts passiert auf den 800 km. Gerade hatte ich mit Pierina den Zeitpunkt fixiert an dem wir ankommen wollten. Es sollte Ende Mai sein, dann gäbe es für uns ein Appartement in Strandnähe.

Genau da kam dann vom Kuratorium der Wiener Pensionistenhäuser eine Nachricht, wonach ich in einem ihrer Häuser eine Wohnung beziehen konnte. Die Entscheidung musste aber schnell fallen, denn sonst sei das Appartement weg und ich musste dann vielleicht lange auf eine neue Zuweisung warten. Also stellten wir dies in den Vordergrund unserer Aufmerksamkeit und begannen meine Übersiedlung vorzubereiten. Ohne die tatkräftige Organisation und Hilfe von Judith und Michael hätte ich das nie geschafft. Es musste ja auch noch die Übergabe der bisherigen Gemeindewohnung in die Wege geleitet werden und wer eine Ahnung von der Umstandsmeierei und Bürokratie der Gemeindeverwaltung hat, kann sich einigermassen vorstellen was das Nerven und Stress gekostet hat. Die Übergabe ist übrigens heute noch nicht abgeschlossen. Jedenfalls war ich am 10. Mai in meiner neuen Wohnung. Zu allen Verdruss ist mir aber genau in dieser Zeit mein Computer- leider irreparabel- abgestürzt und so blieb alle Büroarbeit an dem ohnehin mit seinen Problemen belasteten Michael hängen. Am 19. Mai wollten wir von Wien wegfahren. Ich war sehr skeptisch, aber Michael hat es geschafft. Gestern habe ich wieder an meinem Schreibtisch Platz genommen und nun bin ich wieder im Netz.

Aber was ist in diesem Monat alles geschehen. Mein ganzes bisheriges Leben erscheint mir wie auf den Kopf gestellt. Ich weiss nicht was ich zuerst beschreiben soll— wo anfangen, was zuerst schildern? Die wunderbare Ruhe die mich erfüllte, als wir in schweren Regenböen der Poebene zu fuhren? Das schöne Gefühl neben meinem Sohn zu sitzen, seine Selbstsicherheit zu fühlen, sich geborgen zu wissen an seiner Seite. Da ist schon ein bisschen Stolz dabei ein wenig dazu beigetragen zu haben, dass er so ist, wie er eben ist. Und ich spürte, dass er genauso neugierig war, wie auch ich selber war, Menschen wieder zu sehen, die man vor 40 Jahren- unfreiwillig- aus den Augen verloren hat.

Wo soll ich beginnen? Ich war bei Romagnolo 2. Ich könnte jetzt fortsetzen bei Romagnolo 6 oder 7. Aber da wären viele Dinge aus dem Zusammenhange gerissen und könnten nicht verstanden werden. Ich werde also die Geschichte ein bisschen zusammen raffen, sonst wird der Roman zu lange. Vierundsechzig Jahre lassen sich eben nicht in einem Atemzug zusammenfassen. Aber versuchen will ich es immerhin. Also auf bald bei Romagnolo!

connection über Zeit und Raum

18. März 2008

Niemand kann wohl ermessen, welcher Gefühlssturm mich durchtobte, als eines abends eine samtdunkle, warme weibliche Stimme mich am Telefon, bat, doch zu raten, wer sie wohl sei. Der unverkennbar fremde Tonfall gab mir Rätsel auf. Slawisch war der Akzent nicht und gar viele Bekannte, die ein wenig fremd sprachen, hatte ich ja nicht. Nach einem kurzen Wortgeplänkel bat ich sie, mir doch endlich zu verraten, wer sie sei. Und da kam die Antwort: “Pierina”! Da musste ich mich hinsetzen und hatte plötzlich ein Würgen in der Kehle und war erst einmal sprachlos. Alles mögliche hätte ich erwartet, aber das nicht. Man muss sich vorstellen- da sprach ein Mensch zu mir, den ich noch als Kleinkind kennen gelernt hatte und der weit von mir, in Italien am anderen Ende der Leitung sass. Und es war, wie wenn wir uns erst gestern zum letzten Mal gesehen hätte. All die Schuttschichten, die Jahrzehnte der Getrenntheit auf das Bewusstsein abgeladen hatten, waren nach ein paar Worten nicht mehr vorhanden. Ich spürte direkt körperlich die Gegenwart der Menschen, die mir damals so nahe gestanden waren. Ich erfuhr alles über die Geschwister, dass Pierinas Schwestern alle schon gestorben waren- Augusta erst am vergangenen Jahresende. Die Brüder hingegen sind noch alle drei lebendig. Guerino lebt noch in S. Vittore, in dem Haus in dem wir gewohnt hatten, bei unseren Besuchen. Quarto lebt noch in Longiano in dem Haus, das auch Michael noch in Erinnerung hat. Ich hab mit ihm sogar ein paar Worte gesprochen. Aber auch Alfredo ist wieder nach Hause zurückgekehrt.Er war in der Schweiz. Und wieder hörte ich jenes wunderschöne, herzerfreuende “Walter komm doch!” Das wird wahrscheinlich kaum möglich werden. Aber wie gerne möchte ich euch noch einmal in die Armen schließen und mit Euch über die vergangenen Zeiten plaudern. Mein innigster Dank gilt Herrn Tresoldi, der einmal meinen Blog gelesen hatte und mit dem ich die Telefonnummern austauschte. Er übermittelte meine Telefonadresse nach Italien und so kam es zu diesem Wiederhören mit “piccola Pierina”. Danke, Euch allen! Ihr habt mir eine wirklich große und freudige Überraschung bereitet.

Und jetzt macht es mir auch wirklich großen Spass, weiter zu erzählen, was da so noch aus dem” Romagnolo” geworden ist. Auf bald!

Noch “Romagnolo 2″

10. März 2008

Ich hörte im letzten Beitrag unter diesem Titel dort auf, wo ich die Bewohner des Hauses beschrieb, in dem wir die nächste, noch ungewiss lange Zeit verbringen sollten. Dem Frust der Langeweile unter dem Besatzer leiden, wirkten wir dadurch entgegen, dass wir uns immer intensiver mit unseren Gastgebern beschäftigten. Das begann damit, dass man einfache Worte der fremden Sprache zu erlernen suchte. Es war ja wichtig zu wissen was essen, schlafen, Hunger und Durst auf italienisch hießen . Und wo ist das Örtchen, um seine Notdurft zu verrichten. Langsam schwand die Abwehr aus den Gesichtern, man erkannte, dass auch wir Menschen waren, die gar nichts von diesem scheußlichen Krieg wissen wollten und wenn Babbo “guerra e brutta” sagte, dann stimmten wir von ganzem Herzen zu. Wir wiederum erkannten, wie schwer die Menschen hier darum kämpften ihr täglich Brot zu sichern und dass es nur die andere Sprache war, die uns voneinander trennte und dass sie demselben Bevölkerungskreis angehörten wie auch wir. Und das war ein Unterschied, den wir gerne überwinden wollten. Das Schöne war, dass auch bei unseren Hausbewohnern die gleiche Stimmung Platz gegriffen hatte und so war es bald ein eifriges Gestikulieren und Radebrechen von beiden Seiten. Viel half uns in der abendlichen Siesta das gemeinsame Fussballspiel das wir zuerst als Ländermatch betrieben, bald aber waren wir durcheinander, den die Ithaker waren ja damals Weltmeister und so wechselten wir uns ab. Was nicht heißen sollte, dass es nur die Burschen waren, denn der Wirbelwind Teresina war des öfteren mit dabei, wenn der Ball auf dem kleinen Platz zwischen Haus und Stadel rollte. Und piccola Pierina wurde bald auch unser Liebling und fand Platz auf dem Schoss der austriacchi. Bald sassen wir am Abend um das offene Feuer im Kamin, in dem in einem großen gusseisernen Topf die Minestrone bereitet wurde, sassen mit ihnen am Tisch, aßen die Pizza, die die Frauen zubereitet hatten, tranken den gewässerten Wein, die miscela. Und sassen dann noch lange zusammen. Man fragte uns aus, nach den Lebensumständen in der fernen Stadt. Wie wir dort lebten, was wir arbeiten und umgekehrt war es dasselbe. Es ergab sich, dass ich mich immer öfter an Augusta wandte und von ihr erfuhr ich sehr viele Worte und sie übte mit mir auch noch Grammatik und so vermochte ich bald nicht nur in der Nennwortform der Zeitworte zu sprechen, sondern z.B. “haben und sein” richtig zu konjugieren. Natürlich fragte mich Augusta auch über Persönliches aus und ich sagte ihr, dass ich verlobt sei, meine Eltern da aber etwas dagegen hätten. Natürlich zeigte ich ihr auch ein Bild des Mädchens. Jeder Soldat hat ja sowas bei sich.
Und sie sagte “Oh, bella ragazza”. Natürlich hatten wir auch viel Spass mit den Brüdern und bald fühlten wir uns wie zuhause. Diese Verbundenheit wurde noch dadurch gefestigt, dass wir begannen in unserer Freizeit mit Hand anzulegen, und bei der Feldarbeit zu helfen. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich mit Augusta fagioli (Fisolen) geerntet habe und sie in einem Korb vom Feld zum Hof hinauf getragen habe. Am liebsten hatten wir es, wenn wir in der Pfirsichplantage zu tun hatten. Und es kann sein, dass mir die Erinnerung was vorgaukelt- aber ich habe nie bessere Pfirsiche gegessen als in S.Carlo. Schließlich waren wir auch noch dabei von dem kleinen, steinigen Acker den Weizen mit der Sichel zu ernten und auf dem Platz hinter dem Haus haben wir mit dem Dreschflegel zusammen mit den Nachbarn gedroschen.

Wen wundert es, dass ich mich zu Augusta sehr bald hingezogen fühlte. Sie war so ganz anders, als mein Mädchen zu Hause. Augusta war von einem herben Reiz, der mir bis dahin noch nie begegnet war. Wahrscheinlich deshalb, weil ich nur Stadtmädchen kannte und sie eben ein Bauernmädchen war, das harte Arbeit kannte. Zugegeben- ich war ja grad kein Frauenheld, aber dieses Mädchen!! Und ich glaube auch, dass Augusta gerne mit mir sprach, gerne in meiner Nähe war. Aber es verbot sich ja von selbst einen Schritt zu tun, der unter Umständen unheilvoll enden konnte. Italien war doch ein erzkatholisches Land und Mädchen mussten da ja noch unberührt in die Ehe gehen.Von ihr konnte ich also nicht erwarten, dass sie etwas in dieser Richtung tat und ich würde nichts tun, denn damals schon, war mir Freundschaft wichtiger als ein kurzes Vergnügen. Und so war ich also zwar in Augusta verliebt, aber es war so hoffnungslos und ich würde es nie offenbaren.Also blieben uns nur die Grammatikstunden. Aber das Wort amare konnte ich zwar konjugieren, aber io amo te sagte ich nie.
Gerne entsinne ich mich noch der Korrekturen in meiner Betonung, wenn ich ein Zeitwort falsch betonte. “Walteeeer, non pioveeeeere, mai dire piooooovere”. Natürlich machte ich das oft absichtlich, um ihren Widerspruch herauszufordern und wir lachten, dann ausgiebig darüber, denn sie hatte bald erkannt, dass ich nur zum Scherz falsch aussprach. Natürlich fiel die Zweisamkeit auch anderen auf. Meine Kameraden begannen mich zu necken: “Aha, schon wieder Augusta”. Und ich glaube auch den Brüdern und den Eltern entging nicht, dass wir beide- Augusta und ich- recht herzlich miteinander umgingen. Es kann sein, dass sie sich deswegen Sorgen machten. Und trotzdem erschraken wir, wenn unsere Hände sich zufällig begegneten und wir sahen uns verlegen an und Augustas gebräunte Wangen schimmerten verdächtig rot.
Wie weit wir das Vertrauen der Brüder bereits genossen zeigte uns nach einiger Zeit, dass sie uns offenbarten, was in der Kommandantur unserer Einheit auf dem Dienstplan stand. So sagten sie uns eines Abends, dass wir am nächsten Tag zu einer Suchaktion auszurücken hätten. Der Zweck wäre, Menschen zu fassen, die man nach Deutschland zwangsverpflichten wollte und die in der Kriegsindustrie arbeiten sollten. Und natürlich sollten wir auch Partisanen fangen. Wirklich waren wir tags darauf im Hügelgelände um Cesena unterwegs. Wir sahen aber keine Menschenseele, außer einem alten Ziegenhirten. Er bot uns von seinem Pecorino an und seither, weiß ich wie gut Ziegenkäse schmeckt. Klar, dass wir niemanden fanden, denn wenn Alfredo uns erzählte wo wir suchen sollten, dann wussten es doch die Italiener noch früher.

Wir lebten also in einer unwirklichen Zwischenwelt- gleich weit weg von der Gewohnheit der Heimat, des Elternhauses, der Schule, weit weg vom gestern und noch ebenso weit weg von einer ungewissen, verborgenen Zukunft bei der Truppe an der Front, die immer näher kam.

Ich kann mich noch erinnern an die Morgenappelle, bei denen wir informiert wurden über die Landung der Alliierten in der Normandie. Natürlich posaunte da der NSFO- der nationalsozialistische Fürungsoffiziert, der nach dem Vorbild der sowjetischen Kriegskommisare nun bei jeder Einheit Pflicht war- dass der Endsieg nun nahe sei, denn “jetzt würden die Feinde die Macht der Wehrmacht kennenlernen”. Wir dachten daran, dass der verdammte Krieg nun eher aus ist und dass es nur darauf ankam das Ende mitzuerleben. Und dann auch noch der Morgen als wir unterrichtet wurden, dass auf “den größten Führer aller Zeiten” ein gemeiner Mordanschlag verübt worden sei. Ich hörte mir die Hasstiraden an und betrauerte den Umstand, dass er missglückt war, denn nun war ein vernünftiges Ende dieses Krieges noch unmöglicher geworden. Einen Ausweg für mich sah ich leider nicht.

Wie lange wir in dieser unwirklichen Idylle gelebt haben, kann ich leider heute überhaupt nicht mehr sagen. Ich kann mich z. B. an keinen einzigen Regentag erinnern, wohl aber an die heißen Tage an denen wir hinuntergingen zum Savio. einem kleinen wasserarmen Flüsschen um zu baden. An einem Kolk war es sogar möglich, ein paar Armzüge zu schwimmen. Da waren wir meistens in Begleitung Teresinas und manchmal war auch Augusta dabei mit der kleinen Pierina. Von mir aus hätte ich dieses Leben nie verlassen müssen und ich konnte mir wohl vorstellen, dazubleiben. Mit Augusta natürlich. Ja, und dann war es eines Tages plötzlich zu Ende.

Wir waren grade vom Fluss zurückgekommen und aßen friedlich zu Abend. Dann baten uns die Burschen hinaus in den Hof und eröffnete uns, dass wir am nächsten Tag weg mussten. Die Einheit hatte ihren Einsatzbefehl bekommen und sollte ihren Zweck erfüllen- Ersatz für die abgekämpfte Division. Wir gingen hinauf in unsere Schlafstube um die paar Sachen zu packen. Spät am Abend setzte ich mich noch in den Hof um eine Zigarette zu rauchen. Un da kam Alfredo, setzte sich zu mir. Er schwieg lange. Ganz leise fragte er dann, ob ich mir vorstellen könnte, nicht mitzugehen an die Front. Dazubleiben, mich zu verstecken. Man würde mir Zivilkleider besorgen und für meine Unterkunft sorgen. Mir war bewusst, das war eine jener Stationen an denen sich ein Lebensweg entscheidet. Gehst du jetzt links oder rechts, nichts davon ist klar- alles liegt in einer ungewissen Zukunft verborgen. Blieb ich, dann musste ich damit rechnen eines Tages zu den Partisanen zu stoßen und vielleicht auf meine Kameraden schießen zu müssen. Das wollte ich eigentlich nicht. So weit war ich noch nicht. Wurde ich aber verraten- es gab immer einen der für 30 Silberlinge dazu bereit war- einen eventuellen Verehrer von Augusta zum Beispiel, oder ich wurde so gefasst, denn zuerst würde man mich sicher auf dem Hof der Silighini suchen, die kleine Pierina verplappert sich vielleicht, dann ist die ganze Familie zum Tode verurteilt, denn die Nazijustiz kannte keine Gnade für Leute die Deserteuren halfen. Ging ich an die Front, dann war das für alle Beteiligten sicherer. Nach langem Überlegen lehnte ich schließlich das Angebot Alfredos ab, schweren Herzens muss ich wohl dazu sagen. Ob es richtig war- oder falsch- wer vermag das heute zu sagen. Als wir am Morgen aus dem Hof schritten mit unserem Packen auf dem Buckel, stand nur Babbo in der Tür und sah uns traurig nach. Er hat mir später einmal gesagt, er hätte an diesem einen Tag drei Söhne auf einmal verloren.

Ein Mannschaftstransportwagen nahm uns auf und durch das belebte Saviotal fuhren wir südwärts in Richtung Vergeretho-Pass. Ins obere Tibertal und nach Umbrien hinüber, hinaus aus der schönen sonnigen und noch friedlichen Romagna. Wir wurden ins kalte Wasser geworfen. Wie es sich gehört, begannen wir zu strampeln. Noch war ich mit Franz und Herbert zusammen. Aber als wir am Bestimmungsort in der Nähe von Perugia ankamen wurden wir sofort getrennt. Jeder kam zu einem anderen Regiment. Klar- Scharfschützen jagen doch nicht rudelweise. Ich habe keinen von ihnen wieder gesehen. Franz soll angeblich gefallen sein und Herbert wurde in Ungarn als vermisst gemeldet. Von jetzt an strampelte ich allein durch die Welt.

Romagnolo-2

4. Februar 2008

Es wird nun Zeit zu schildern wie es dem kleinen Soldaten auf dem Weg in den großen Krieg weiter ergangen ist. Wir waren also nach einigem Hin und Her in einem Dorf in der Nähe von Cesena angekommen, wo das Feldersatz-Bataillon meiner Einheit Quartier genommen hatte. Als Behausung war uns das Gehöft eines Pächters angewiesen worden, wo wir auf Strohschütten im Oberstock unser Nachtlager hatten. Ausser uns Dreien waren noch einige andere Soldaten hier einquartiert, aber die waren meistens nur zum Schlafen da, denn sie hatten Beschäftigung beim Stab der Einheit und wir bekamen sie nur selten zu Gesicht, wenn wir selbst dorthin mussten. Das geschah regelmässig am Morgen zum Appell und zum Essenempfang am Mittag, wo wir auch gleich unser -kaltes- Abendessen in Empfang nahmen. Es kam natürlich vor, dass wir für Dienstaufgaben zur Verfügung stehen mussten. Dies geschah aber relativ selten, da wir aufgrund unserer Ausbildung eine gewisse Sonderstellung genossen und vom Bataillon weitgehend geschont- und verschont- wurden. Ich spreche immer von wir und meine damit meine drei Kameraden und Freunde, die mit mir im selben Ausbildung-Lehrgang waren und gemeinsam zu diesem Ersatzhaufen beordert worden waren. Ursprünglich waren wir ja vier, aber Robert war bald nach unserem Eintreffen hier zu einer anderen Einheit transferiert worden. Das war uns eigentlich sehr recht, denn er hatte eine ungute Einstellung zu Italienern und hätte uns in der Folge vielleicht Probleme gemacht
Es war ganz selbstverständlich, dass wir bei einer solchen Tageseinteilung über eine Menge Langeweile verfügten und versuchten sie so gut als möglich zu vertreiben. Das Naheliegendste war natürlich uns mit unseren unfreiwilligen Quartiergebern zu beschäftigen. Ausserdem war uns anfangs verboten in der Umgebung allein herumzu”wildern” wie unser Bataillonschef -ein ältere Major- sich auszudrücken pflegte.
Wir waren auch einigermassen freundlich, aber doch mit deutlichem Abstand aufgenommen worden. Zudem hatten die Eltern ja ihre Aufgaben in Haus und Hof und die älteren Kinder waren damit beschäftigt ihren Eltern zur Hand zu gehen. Der älteste Sohn- Alfredo- war ein hübscher Bursche mit lockigem Blondhaar half dem Vater fleissig in der Wirtschaft. Der mittlere- Quarto- war in einer Werkstätte die landwirtschaftliche Geräte- vom Pflug bis zum Ochsenkarren reparierte. Er hatte so ziemlich alles was aus Metall bestand schon unter seinen kräftigen Händen gehabt. Er hatte auch die Figur dazu. Denn er war der einzige, der von der Gestalt her seinem Babbo ähnelte. Halt das stimmt nicht, denn auch Teresina, das 15jährige Mädchen, das noch ihre letzten Schultage hinter sich brachte passte dazu. Aber alle anderen hatten einen leichten grazilen Körperbau. Besonders der jüngste Sohn -Guerino- der in einer Tischlerei arbeitete war beweglich wie ein Federchen.

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Dies ist jener Teil der Fortsetzung, die ich noch Mitte Juni niederschrieb. Dann nahm mir eine Folge von ernsten gesundheitlichen Schwierigkeiten die Lust weiterzuschreiben. Ausserdem wurde mir immer mehr bewusst, wie schwierig es ist, Gedanken und Gefühle von jungen Menschen aus der Zeit des grossen Krieges auszusprechen und sie anderen jungen Menschen aus der heutigen Zeit zu vermitteln. Sie leben in einer ganz anderen Welt und vermögen kaum mehr zu erfassen, was ich damals fühlte. Mehr und mehr fand ich mich damit ab, dass es ein “Romagnolo 2″ wohl nicht mehr in meinem Blog geben wird. Und dann las ich heute in meiner Post jenen Kommentar. Es war ein Gruss über Generationen, über Zeit und Grenzen hinweg- da war noch die Spur einer Erinnerung an uns. Danke junger Freund aus der Schweiz. Sie haben mir grosse Freude gemacht. Jetzt glaube ich, wird es doch noch eine Fortsetzung geben.

——- in jenen Minuten—–

18. Januar 2008

—–als ich im Umbauschutt vor der Lifttüre lag—–

—–bewusstlos nennt man wohl diesen Zustand—–

—–da hab ich trotzdem deine heisse Angst verspürt—–

—–die dich durchzitterte—–

—–dass ich mich davonmache—–

—–ohne euch noch lebewohl zu sagen—-

——in jenen Minuten———

—–danke, mein Sohn

……NINO !!!!

17. Januar 2008

Du machst dich seit Monaten selten bei den Menschen die dich lieben. Kein Anruf, kein Besuch. Auch die Tage in denen die ganze Welt Familienfeste feiert- Weihnachten und Neujahr- gingen vorüber. Dein Vater vermisst dich ebenso, wie Judith und du hast doch nicht das herzige Lächeln deines kleinen Bruders vergessen, der dich so liebt. ich weiss nicht, was der Anlass ist für das Zerwürfnis, will es auch nicht wissen. Ich werde mich auch sicher nicht einmischen, weil ich nicht überall meinen Senf dazugeben muss.

Ausserdem weiss ich aus eigenen Erfahrung her, dass es in unserer Abfolge von Dickschädeln gar nicht einfach ist in unserer Familie Sohn zu sein. Glaub mir, ich könnte dir ein paar Geschichteln erzählen von deinem Urgrossvater. Aber in der Zwischenzeit hab ich das Vergnügen ja auch von der anderen Seite her kennengelernt und hab mir oft und oft die Frage gestellt: Was mach ich nur mit so einem Sohn? Und schau es sind nur ein paar Jahre vergangen und jetzt hat er dieselben Probleme und weiss nicht aus , noch ein.

Es ist manchmal furchtbar schwer aus der Sackgasse in die man sich verrannt hat, aus dem Loch, in das man sich verbohrt hat wieder heraus zu kommen und ich werde dir auch keinen Rat geben können. Gewiss ist eines schon, dass man die Suppe die man sich eingebrockt hat auch selber auslöffeln muss. Den Löffel dazu musst du schon selber schnitzen. Wie gesagt– kein Rat. Aber eines weiss ich sicher: Du wirst dir kein Büsserhemd umhängen müssen. Vielleicht reicht es einfach, da zu sein und zu sagen : Hallo, Papa!

“Grossvoda kannst du net awekummen auf a Schaln Kaffee?” Bei mir geht es noch Aug in Aug. Die Betonung liegt auf noch. Vielleicht kannst du mit mir reden, wie mit einem Freund. Ich mag dich nämlich, so wie du bist.

Romagnolo-1

28. Mai 2007

Wenn ich früher einmal über unseren Viktor-Adlermarkt schlenderte und bei den Gemüsegeschäften gustierte wo ich wohl meinen Karfiol kaufen werde, da kam es öfter vor, dass mir der Duft einer zur Verkaufsförderung angeschnittenen Frucht um die Nase fächelte. Im Winter waren das vorzugsweise Orangen, die ihr manchmal blutrotes Kernfleisch zeigten und Dir zuriefen: “Nimm mich mit- schau doch, wie gut ich aussehe!” Im Sommer aber waren es die Zuckermelonen, deren honiggelbes Inneres einen betörenden Duft verströmte. Eben dieser Duft war es, der in mir Erinnerungen auslöste und mich in eine Zeit zurückführte, die unbeschreibliches Glück und tiefen Trennungschmerz gebracht hatte. Das Glück war ein sehr fragiles Glück, weil sein zeitliches Ende programmiert war und der tiefe Schmerz, weil immer im Hintergrund der Gedanke war– es hätte doch auch anders sein können.

Ich will Sie zurückversetzen in den Frühsommer des Jahres 1944 in das von deutschen Truppen besetzte Norditalien. Der größere Teil der heute tätigen Menschen, weiß von dieser Zeit nur mehr aus Erzählungen. Kaum jemand kann sich vorstellen, wie es sich in einem vom Feind oder “Bündnispartner” besetzten Land lebt. Es war ganz offensichtlich so, dass der mehrheitliche Teil der italienischen Bevölkerung uns- die deutschen Besatzer, zu denen ich nun einmal gehörte- zum Teufel wünschte. Und es gab nicht wenige, die tatkräftig daran arbeiteten uns auch dorthin zu befördern. Dem Oberkommando der Südfront, das die schwierige Aufgabe hatte mit verhältnismäßig geringen Mitteln den “Stiefel” zu verteidigen, war dies natürlich bekannt. Um Präsenz zu zeigen, placierte sie die wenigen verfügbaren Ersatzeinheiten mal dahin, mal dorthin um Aufruhr zu unterbinden. Viel später erst-mit der literaturmäßigen Aufarbeitung der damaligen Zeit- las ich, dass man deutscherseits auch mit einer neuerlichen Landung hinter der Front, im Raum Rimini, rechnen musste und für diesen Fall die Ersatzeinheiten in diesem Raum zur Verfügung hielt. Auf diese Weise lernte ich einige der nach Norden führenden idyllischen Täler nördlich des Appenninenkamms kennen. Es würde zu weit führen das ganze Hin und Her zu schildern und es ist auch für den weiteren Gang der Erzählung nicht wichtig. Entscheidend war, dass ich mit meinen Kameraden schließlich den Befehl bekam uns beim Bataillonsstab unserer Einheit zu melden. Das ging in der Zwischenzeit nur mehr per Auto und funktionierte so: Man stellte sich an eine Hauptverkehrsstrasse- in unserem Fall die ehrwürdige Via Emilia- und hielt einen Wehrmachts-LKW an. Der Fahrer war in den meisten Fällen froh, Begleitung zu haben, denn man placierte sich auf Trittbrett und Kotflügel des LKW und fungierte so als Luftbeobachter. Das hatte schon des öfteren bei einem Luftangriff zur Lebensrettung des Fahrers geführt. Ich war natürlich mit Franz und Herbert unterwegs und wir hatten Glück, denn unser LKW sollte nach Rimini. Rimini!!! Gedankenblitz- wär doch nicht schlecht, wenn wir einmal baden in der Adria! Als wir in Cesena vorbeifuhren sahen wir zwar den zarten Hinweis, dass es da noch irgendwo unseren Dienstauftrag gäbe. Aber wir übersahen das großzügig und verbrachten einen Vormittag badend am Strand von Rimini. Die Rückfahrt geschah auf die gleiche Art. In Cesena aber sprangen wir vom Lkw. Da standen wir nun vor dem Pappkarton auf dem in ungelenken Zeichen “FEB HuD” geschrieben stand. In klaren Worten ausgedrückt hieß das: Feldersatzbataillon Hoch- und Deutschmeister. Genau dort mussten wir hin. Wir sind wohl auf die gleiche Art weitergekommen- genau kann ich mich daran nicht mehr erinnern. Es war aber nicht weit, denn bereits im zweiten Dörfchen hinter der Stadt waren wir angekommen. Das Dorf hieß San Carlo und das Kommando residierte im Bürgermeisteramt der Gemeinde. Das war ein respektables Steinhaus gleich an der Hauptstraße. Unser Hinweis auf die Verkehrsschwierigkeiten und die dadurch verspätete Ankunft wurde mit Verständnis aufgenommen und nach kurzer Warterei- immer eingedenk der uralten Landserweisheit: Die Hälfte seines Lebens wartet der Soldat vergebens!- brachte uns ein Soldat zu unserem Quartier. Bergauf etwa zweihundert Schritte- ein typisches Bauernhaus aus Ziegel in vollendetem Quadrat mit einem über eine Treppe erreichbaren Stockwerk. Ein großer Raum mit einem Fenster, Ziegelboden. Rechts und links von einem Mittelgang aufgeschüttetes Stroh. Es bot Platz für 14 Männer. Als wir ankamen sahen wir auch die nicht grade freundlichen Gesichter der Eigentümer. Es waren zwei junge Männer, die unsere Ankunft beobachteten. Nachdem wir unser Lager gerichtet hatten, gingen wir mit den schon vorhandenen Soldaten unseres Quartiers wieder hinunter zum Stab wo wir unsere zukünftigen Aufgaben erfuhren. Sie bestanden eigentlich hauptsächlich im “Vorhandensein”. Denn außer Morgenappell und Essensempfang gab es nur Dienstroutine- Wachdienst, Fahrbegleitung, Meldegänge und Kontrolldienst in der Umgebung des Dorfes. Zu all diesen Dingen bekamen wir unsere Waffen ausgehändigt. Die übrige Zeit blieben sie wohlverwahrt. Es hätte uns nun angesichts dieses gewaltigen “Nichtstuns” eine furchtbare Langeweile befallen müssen. Davor bewahrte uns das Kennenlernen unserer zwangsbeglückten Quartiergeber. Es waren Bauern. Aber nicht etwa auf eigenem Grund und Boden, sondern das Haus, das Feld, die Bäume gehörten dem Padrone und sie waren nur Pächter und unendlich arme Leute. Es dauerte nicht gar lange und wir lernten sie alle kennen. Da waren Alfredo und Quarto, die uns ja schon empfangen hatten. Alfredo war blond, lebhaft und etwa 22, Quarto dunkel, schweigsam und 20 Jahre alt. Bald auch steckte der quirlige Guerino seine Nase in unser Quartier. Er war der jüngste von dem Terzett–18. Darüber hinaus aber gab es nur Mädchen: Die 19-jährige ernste Augusta, die fröhliche 15-jährige Teresina und als Nachzügler die 3-jährige Pierina. Natürlich gab es auch Eltern , die den Laden in Ordnung hielten und es waren vor allem die mitleidigen, gütigen Augen von Mamma, die mir Mut machten die Schranken, die uns trennten, abzubauen. Nach kurzer Zeit bereits fühlten wir uns recht wohl bei den Silighini in San Carlo und von mir aus hätte sich da auch nichts ändern müssen. Mir kam vor, schon nach kurzer Zeit ein richtiger Romagnolo geworden zu sein. Dies war der Ausdruck, den unsere Quartierleute verwandten, wenn sie von ihrem Italienisch sprachen, das ich immer begieriger erlernte. Das hatte natürlich seinen Grund. Und meine Freunde wussten ihn auch bald, denn es war in meinen Blicken und meinem Verhalten zu lesen. Er hieß Augusta.

Sardinien

20. Mai 2007

Während meine Gefährtin Ingeborg jetzt eben im Flieger sitzt und nach Sardinien unterwegs ist und ich im Erlebnisbüchlein ihres Cousins OTTO BIRKE blättere, erweckt eine seiner Erzählungen meine Aufmerksamkeit. Ich gebe sie mit seinen eigenen Worten wieder.

BEI DEN HIRTEN AUF SARDINIEN

Sardinien, erlebt in einer Zeit wo die Ostküste noch urig war und ein gewisser Aga Khan an der Westküste die “Costa Smeralda” aufbaute. Ein Ghetto für Millionäre, wo man für eine Nacht leicht und locker 1000 DM verschlafen konnte. Der Name des Banditendorfes Orgosolo ging tagtäglich durch die Presse, Entführungen und Tote waren damals an der Tagesordnung. Übrigens hat das Gesetz der Vendetta ( Blutrache ) noch heute seine Gültigkeit. Das alles stachelte meine Abenteuerlust natürlich an, die ja bei mir immer nur auf einen auslösenden Moment wartet. Mein VW-Käfer mit dem geteilten Heckfenster ( lässt auf sein Alter schließen ), war schnell beladen. Ein altes Armeezelt ohne Boden, der Spirituskocher mit der blitzenden Messingkugel und ein alter Rucksack mit den unvermeidlichen Suppenbeuteln gefüllt, war die ganze Ausrüstung. Weitaus geringer war da schon die Füllung des Geldbeutels, der aussah als hätte er die Schwindsucht. So kam es, dass ich wegen der zu teuren Überfahrt meinen “Cadillac” im Hafen von Civitavecchia stehen lassen musste und aufgepackt als Sherpa des Mittelmeeres an Bord des Dampfers trabte. Der Sparaktion zweiter Teil war die Nichtbenutzung des Liegestuhlraumes. Eine Überfahrt auf Deck, eingewickelt in eine Zeltplane kann aber auch ganz romantisch sein. Der Hafen von Olbia war noch nicht zu sehen, als mir schon der süßliche Geruch der Macchia, den die Insel verströmte, in die Nase stieg und der mich auch wochenlang begleiten sollte. Dort angekommen stellte sich die Frage des Fortbewegungsmittels in den Vordergrund, denn für die Ausrüstung von damals, war das Wort “Perlon”- sprich “leicht”, ein Fremdwort. Zuerst dachte ich an ein Leihrad, konnte aber beim besten Willen keines auftreiben. Also entschied ich mich für das Hinterteil eines Leiterwagens. Dieses mit zwei langen Stangen versehen, ergab ein tolles Gefährt und aus dem Sherpa war ein Rikschamann geworden. Als solcher trabte ich los um Sardinien und seine Bewohner kennenzulernen, vorbei an Feldern mit Margariten und rotem Klatschmohn und den bizarren Gebilden aus Granit, die wie Bären und Elefanten aussehen.

Auf der Suche nach einem Zeltplatz lernte ich zwei Holländerinnen kennen, die aus Angst ihr Zelt in Dorfnähe aufgestellt hatten. Es waren Schwestern aus Amsterdam- so wie ich auf Abenteuertrip und hätten mit dem richtigen Käse in der Hand die beste Reklame für ihr Land abgegeben. Wir schlossen schnell Freundschaft und schmiedeten alsbald Pläne für ein gemeinsames Weitertrailen. Vorerst war aber da noch ein kleines Hindernis zu bewältigen, denn Eros in Uniform eines Polizisten namens Umberto, hatte sich vorgenommen, etwas von dem holländischen Käse zu naschen. Am nächsten Vormittag kam er mit seiner Maschine angebraust, “dienstlich” und in voller Uniform. Seine erste Amtshandlung war, im Zelt der Meisjes zu verschwinden, um alsbald in der Badehose wieder zu erscheinen. Babsi, so hieß eine davon, seufzte auf, verdrehte voller Entzücken ihre Kullerchen und entschwand mit dem Apollo in Richtung Strand. Wir Männer freundeten uns schnell an, er zeigte mir die essbaren Muscheln, erklärte mir, dass man die Seeigelweibchen von oben an den Steinchen erkennt, die eben nur sie auf dem Stachelpelz tragen und deren Eier man nach dem Aufschlagen essen kann. Ausserdem durfte ich mit seiner “Dienstmaschine” in den nächsten Ort fahren um Proviant einzukaufen. Dass er mir da Schwester Klara als Beifahrerin aufhalste war sicher einerseits als Pfand gedacht, dürfte aber andrerseits der Völkervereinigung Italien-Holland zugute gekommen sein.

Es war wirklich schwer,der Sache ein Ende zu bereiten, es kostete mich einen Daumennagel und bescherte seiner Babsi eine mächtige Beule. Schuld daran war aber nicht etwa eine Rauferei, sondern der Heimweg nach der Abschiedsfeier im Dorf, dessen Hauptstraße an einer etwa 2 m hohen Mauer endete. Normalerweise wäre sie links oder rechts zu umgehen gewesen, aber wir Weinseligen marschierten im Gleichschritt darüber hinaus und das ergab die erwähnten Blessuren. Wir feierten also mit Umberto Abschied, der Wein floss reichlich, wenn sich auch über den Geschmack streiten lässt. Der Rotwein war für meine Begriffe sauer und dazu wurden noch Zitronenscheiben hineingegeben. Dazu gab es “pane karasau”- hauchdünnes Fladenbrot mit gedörrtem Ziegenfleisch. Ich weiß ja nicht was die Sarden unter Dörren verstehen, ich hatte jedenfalls das Gefühl, bzw. einen Geschmack auf der Zunge, als hätten sie das Zeug verscharrt gehabt und uns zu Ehren wieder ausgegraben Mit Todesverachtung und einem verzückten Grinsen im Gesicht kaute ich nicht nur auf meiner Portion, sondern auch auf der meiner Mädchen, die sie mir heimlich zugeschoben haben.

Der Weitermarsch am Morgen muss ein Bild für Götter gewesen sein, der Rikschamann, eingerahmt von zwei Mädchen, zuckelte über die Holperstraßen von Sardinien. Voller Wehmut dachte ich an das in Olbia zurückgelassene Vorderteil meines Leiterwagens.

Unser nächstes Ziel war die Hauptstadt Cagliari. Die Zwischenstation in einem Fischerdorf nutzte ich aus, um einmal zum Fischfang hinausfahren zu dürfen. Etwas erschrocken war ich schon, als mir der Kapitän nach dem Auslegen der Netze eine Schrotflinte in die Hände drückte und mit wortreich meinen Arbeitseinsatz erklärte. Dabei weiß ich heute noch nicht, ob ich auf die Flossen von Haifischen oder Delfinen geschossen habe um sie an der Zerstörung der Netze zu hindern.

Nach der Besichtigung der Hauptstadt zogen wir weiter ins Landesinnere, um endlich das sagenhafte Räuberdorf Orgosolo kennenzulernen. Wie ein Gladiator zog ich mit meinen Marketenderinnen dort ein, nur mit dem Unterschied, dass ich das Zugpferd war und nicht der Held. Wenn wir geglaubt hatten, dass hinter jeder Ecke ein Räuber Kneissl steht, war das ein Trugschluss, wenn auch die Gestalten recht furchterregend aussahen. Die Sarden sind eher klein von Wuchs, dunkelhäutig und von verschlossenem Wesen. Der Grund für die vielen Entführungen und Erpressungen dürfte wohl der große Unterschied zwischen Arm und Reich sein. Mein Schäfer bei dem ich eine Woche blieb, erzählte mir auch noch einen anderen Grund für die blutigen Fehden. Das Leben dort ist einsam und eintönig. Es kann vorkommen, dass aus Jux und Langeweile ein Schaf gestohlen wird. Es folgt die Gegenmaßnahme und der Streit führt dann schnell zu Mord und Familienfehden( Vendetta ).

Wir schlugen unser Zeltlager etwas außerhalb des Dorfes in der Wildnis auf und als es dämmerte, bekam ich es doch mit der Angst zu tun. Auf einmal glitten Schatten mit Gewehren in den Händen um unser Lager und die Nudelsuppe, die wir grade löffelten, wollte mir gar nicht mehr schmecken. Erst als sich auch Frauen in den immer enger werdenden Kreis einreihten, wurde mir leichter ums Herz. Es war also kein Überfall, sondern bloße Neugierde und eine große Verbrüderung begann. So sehr mir auch die weibliche Begleitung behagte, so war ich doch froh, dass ihr Urlaub zu Ende ging und sie am nächsten Tag mit dem Autobus in die Hafenstadt Olbia abfuhren. Bei dieser nächtlichen Lagersitzung hatte ich mich mit einem Hirten angefreundet, der ein Jahr in Deutschland arbeitete und dadurch unsere Sprachschwierigkeiten reduzierte.

Die letzte Woche war dann das Tüpfelchen aufs I. Ich zog mit in seine Hütte, hütete Schafe und genoss die unbeschreiblich schönen Abende. Der fast klebrige Duft der Kräuter benebelte mich und der klagende Ton der Maultrommeln, der irgendwo in der Einsamkeit anfing und dann von anderen Schäfern übernommen wurde, versetzte mich in eine andere Welt. Ich trennte mich schwer von den Leuten und dieser seltsamen Insel und habe schon oft vergeblich versucht, mich durch die mitgebrachte Maultrommel noch einmal im Geist in diese Welt zu versetzen.

Soweit OTTO und sein Erlebnisbericht. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie nahe ich der Gefühlswelt dieses wundersamen Globetrotters bin. Und während ich dies schreibe, vermeine ich den Duft der “macchia” auf der Zunge zu schmecken und wenn ich die Augen schließe weiden um die schattenhaft zu sehenden Nuraghen die Schafe. Vielleicht wird mir Ingeborg so etwas erzählen, wenn ich sie wieder in die Arme schließe- nach einer langen einsamen Woche.

Bolognese-2

9. Mai 2007

Die Wartezeit in der Bologneser Kaserne war schnell zu Ende. Selbstverständlich sollten wir so bald als möglich bei unserer Ersatzeinheit sein. Die anfänglich zerstörte Strecke war nun wieder leidlich benutzbar, dafür aber war der Bahnhof an dem wir angekommen waren durch ein paar Bomben getroffen worden. Wir sollten also von einem Vororte-Bahnhof wegfahren und dazu bekamen wir für eine Nacht Unterkunft in einem Gartenpavillon zugewiesen. Da die Nacht noch weit war, machten wir uns auf die Suche nach irgendeiner Unterhaltung. Nach einigem Herumfragen erfuhren wir von einer Osteria, die hauptsächlich von den Bahnarbeitern benutzt wurde. Wir fanden sie auch tatsächlich in einem kleinen Häuschen und als wir die halbvolle Gaststube betraten wurde es dort für eine Minute ganz still. Ich muss in Erinnerung rufen, dass sich der von den Alliierten besetzte Teil Italiens bereits im Kriegszustand mit dem Dritten Reich befand. Selbstverständlich sympathisierte der grösste Teil der Bevölkerung eher mit der anderen Seite und die Italiener sahen in uns also Feinde, weil wir in ihrem Lande Krieg führten und Mussolini wollten sie schon gar nicht. Wir taten so als merkten wir nichts, setzten uns an einen Tisch und bestellten vino. Jetzt muss ich natürlich auch schon einmal erzählen wer “wir” waren. Vier Wiener Lausbuben, alle im gleichen Alter. Da war der Jelinek Franz aus einem Gemeindebau in der Linzerstrasse, dann der Reiterer Herbert aus dem achten Bezirk und der Ziegelwagner Robert aus Stadlau. Na und ich natürlich. Wir hatten alle vier zu der Einsicht gefunden, dass es besser wäre der Scheisskrieg sei schon zu Ende und dass es nutzlos vertane Zeit sei, die wir hier verbringen mussten nur um ein paar Goldfasanen zu einer schönen Zeit zu verhelfen. Zu gewinnen hatten wir nichts mehr- im Gegenteil es konnte nur immer schlimmer werden. Es dauerte nicht lange und einer von den Italienern stand auf, trat an unseren Tisch um mit uns zu sprechen. Er sprach recht gut deutsch. Auf unsere Frage, wie er zu seinen Sprachkenntnissen käme, erzählte er uns, dass er in Deutschland dienstverpflichtet sei und nun auf Urlaub da sei. Wir luden ihn ein, sein Glas zu holen und mit uns zu trinken. Das tat er auch, aber er kam nicht nur mit einem Glas sondern mit einer ganzen Flasche. Natürlich wollte er wissen aus welcher Gegend wir kämen und als wir ihm eröffnete, dass wir aus Wien wären sang er sofort begeistert: “Wien, Wien, nur du allein”. Das Gespräch wurde lebhafter, schon hatte sich ein zweiter seinen Stuhl zu unserem Tisch gestellt und nun redeten wir mit Händen und Füssen, halb Deutsch und mit italienischen Worten dazwischen. Dann stand ein anderer bei uns und sagte: “Du cantare, canzone viennese!” Ich sah den Franzi an und er mich: “Tan ma”? Der Robert war unmusikalisch und der Herbert konnte nur schwer die Stimme halten, aber wir zwei konnten schon und da war ich auch schon mittendrin: “Mein Herz und mein Sinn, strebt stets nur nach Wien- nach Wien, wie es weint, wie es lacht….” Und dann fiel der Franz ein mit seiner kehligen dunklen Stimme “…müsst ich einmal fort von dem schönen Ort…” Es war plötzlich ganz still geworden in der schummerigen Stube. Die Bahnarbeiter hatten ihre Gespräche eingestellt und hörten zu wie wir dieses weltbekannte Lied zum besten gaben. Und sie kamen an unseren Tisch, wollten mehr hören und mit den Liedern fielen alle Barrieren zwischen uns. Bald sassen wir an ihrem großen Tisch mitten unter ihnen, bald sangen sie, bald sangen wir. Sie hatten erkannt, dass wir, genau wie sie, unter der Furie des Krieges litten und nichts sehnlicher wünschten als wieder nach Hause zurück zu kehren. Die Angelegenheit artete zu einem großartigen Besäufnis aus, denn die Gläser wurden nicht mehr leer. Der Herbert hatte noch dazu das Talent, dass er eine Menge Hitlerwitze sogar den Italienern glaubhaft machen konnte und die Stimmung war jedenfalls ungeheuer. Aber irgenwann erinnerten wir uns doch daran, dass wir am nächsten Morgen einen Zug zu besteigen hatten. Vor dem Gasthaus verabschiedeten wir uns von unseren Zechgenossen und sie erklären uns genau wie wir zu unserem Pavillon kommen konnten. Also torkelten wir auf einem staubigen Sträßchen unserem Ziele zu, voran der Robert. Der war eigentlich der nüchternste von uns. Danach in einem Respektabstand der Franz und ich, natürlich noch immer singend. Hinten dran der Herbert. Der hatte erklärt er müsse auf uns beide aufpassen, weil wir nicht mehr zurechnungsfähig wären. Auf unserem Weg kamen wir auch an einer kleinen Gebüschgruppe vorbei. Plötzlich drängt mich der Franz zur Seite-ich falle in den Strassengraben und er auf mich drauf! Empört rufe ich:”Bist deppert?” Er keucht:” Du, de schiassn mit Leuchtspur auf uns”. Mittlerweile war auch der Herbert bei uns angelangt” Was duats denn da in Graben unten?” Der Franz aufgeregt:”Volle Deckung, Herbert! De schiassn mit Leuchtspur”. Mitleidig der Herbert: “Na, ihr miasst aber zwa urdentliche Deppen sein, wanns ihr scho de Glühwürmchen fir a Leuchtspur halts.”

So bekam ich meine “Feuertaufe”. Mit Leuchtkäfern, die in dieser Nacht schwärmten und ihre Partner suchten. Die Nacht war furchtbar. Der Kater am nächsten Tag auch. Von zwei Fliegeralarmen unterbrochen-bei dem wir jedesmal den Zug verlassen mussten- erreichten wir doch mittags schon Faenza und meldeten uns in der Ortskommandatur.